Sich bewegen und miteinander plaudern können die Senior*innen am „Plaudertisch“ im Caritashaus Maria Frieden.Quelle: Caritasverband Gießen
Vier Personen können gleichzeitig an dem Tisch Platz nehmen - und mit etwas Improvisation auch fünf. Helene Gerdsen, Emmi Rabenau, Gertrud Schaeg, Wilfried Deusinger und Paula Kluge haben viel Spaß beim Ausprobieren. Nachdem Sabine Röhrsheim-Döring und Ralf Müller, Mitarbeitende im Sozialen Dienst, für jede und jeden das passende Gerät ausgesucht haben, wird sanft gestrampelt, gezogen, gekurbelt und getreten - je nach Gerät und individuellen Vorlieben und Einschränkungen. Drehorgel, Kaffeemühle, Rasenmäher, Fahrrad und Nähmaschine heißen die Geräte. Je eines ist an jeder Seite der Tischplatte montiert und unter dem Tisch weitere für die Füße. Die Idee zur Anschaffung kam von der früheren Leiterin des Sozialen Dienstes, Lisa Peppler und ihrem Team. Über 7000 Euro wurden in den Kauf investiert. Die Glücksspirale unterstützte das Projekt mit 5.068,64 Euro.
Koordination trainieren
Die Mitarbeitenden müssen nicht lange erklären, was zu tun ist: Die Geräte sind so konstruiert, dass sie sich intuitiv bedienen lassen, weil die Bewegungen an alltägliche Tätigkeiten erinnern. Die Koordination von Arm- und Beinarbeit überfordert die fünf Bewohnerinnen und Bewohner keineswegs, auch wenn sie alle im hohen Alter sind. Ralf Müller gibt sich damit noch nicht zufrieden. Er testet, ob die fünf auch noch zusätzlich "im Kopf in Bewegung bleiben" können und ruft kleine Rechenaufgaben in den Raum, die die vier mühelos lösen. Emmi Rabenau stimmt ein Lied an und alle singen mit - und strampeln, ziehen und kurbeln dabei munter weiter. So fördert der Plaudertisch die Koordination in mehrfacher Hinsicht.
Britta Nies, Leiterin des Sozialen Dienstes in Maria Frieden, erhofft sich vom Plaudertisch viel mehr als nur Spaß und Zeitvertreib. Das neue Gerät soll die körperlichen und die geistigen Fähigkeiten der alten Menschen trainieren, erklärt sie. Wichtig ist ihr, dass die Bewohnerinnen und Bewohner nicht allein am Tisch Platz nehmen, sondern möglichst mit anderen und immer begleitet und unterstützt von den Mitarbeitenden. Dann trauen sie sich auch, Dinge auszuprobieren. So ist Gertrud Schaeg zu Beginn froh, dass sie mit der "Drehorgel" ein Gerät hat, bei dem sie sitzen kann und ihre Beine nicht einsetzen muss. Aber dann traut sie sich, den "Rasenmäher" zu testen, bei dem an zwei Bändern gezogen werden muss, und ihr kommt die Idee, ihn einmal im Stehen auszuprobieren. Ralf Müller stellt sich hinter die ältere Dame und gibt ihr damit das Gefühl von Sicherheit: Wenn sie das Gleichgewicht verliert, wird er sie auffangen. Doch das passiert nicht und sie ist sichtlich stolz, dass ihre Knie und ihre Schultern die kleine Übung gut verkraften. Auch Emmi Rabenau staunt über sich selbst: Trotz der Beschwerden durch Neuropathie in ihren Beinen kann sie das "Fahrrad" mühelos treten. So schafft das neue Gerät Erfolgserlebnisse.
Individuell einstellbar
Die Geräte am Plaudertisch können in Höhe, Tiefe und Widerstand an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden, sodass niemand überfordert wird. Sogar Rollstuhlfahrer können mitmachen. Die Mitarbeitenden im Sozialen Dienst hoffen, dass sie das Gerät auch bei Menschen mit Demenzerkrankungen einsetzen können. Auch für die sei Bewegung wichtig - nicht nur, um die oft mit der Krankheit verbundene Unruhe zu kanalisieren, sagt Müller. Auch alle, die Sorge haben, sich zu blamieren, werde man zunächst einzeln an den Tisch setzen, erklärt Sabine Röhrsheim-Döring - für jeden so, wie es passt.
"Wir werden hier sehr gut betreut", sagt Emmi Rabenau. "Es ist gut, dass immer wieder neue Geräte angeschafft werden." Britta Nies erinnert an MemoMoto, ein Gerät, das Fahrradfahren mit Videos simuliert, die Tovertafel, die über einen Projektor Bilder auf einen Tisch wirft, Qwiek up, das Videos an die Decke projizieren kann, der Snoezelenwagen, der diverse technische Hilfsmittel zur Entspannung in einer Wohlfühlatmosphäre bereithält und die E-Rikscha. "Das bietet uns viele Möglichkeiten für die Betreuung der alten Menschen."
Bei allem Treten, Ziehen und Kurbeln haben die fünf Frauen und Männer viel geredet und gelacht. So ist der Plaudertisch eben auch eine Gelegenheit für Geselligkeit und Gespräch. Helene Gerdsen ist zufrieden: "Jetzt habe ich mir mein Mittagessen aber verdient!"